Wachstum war gestern, was kommt morgen?

Von Gesine Agena und Max Löffler

Bis spät in die Nacht verhandelten die Regierungschefs von 192 Ländern bei der Klimakonferenz in Kopenhagen über die Zukunft der Welt. Statt mutig voran zu gehen, zeigte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Finger auf andere und lobte selbstgefällig die Klimabilanz und die Politik der Bundesregierung. Denn der Wirtschaftskrise sei dank ist der Emissionsausstoß in Deutschland dieses Jahr zurück gegangen. Aber allen blumigen Klimaversprechen zum Trotz hat die schwarz-gelbe Bundesregierung ihren Koalitionsvertrag einzig und allein auf das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes gebaut.

Spätestens seit der Club of Rome vor dreißig Jahren seine wegweisende Studie über die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, wurde jede Regierung aufs Neue für diesen unbändigen Wachstumsglauben kritisiert. Verändert hat das bisher aber nichts. Dabei wäre es endlich einmal Zeit für eine konstruktive Neuauflage der Wachstumsdebatte. Komplett überarbeitet, mit neuen Zahlen, neuen Fakten und neuen Antworten, versteht sich. Die Frage bleibt: Wie sieht eine Welt ohne den permanenten Zwang zu wachsen aus? Müssten wir aufhören, Auto zu fahren? Ostseeurlaub statt Mallorcareise? Veganer Brotaufstrich statt ungarischer Salami?

Wachstumskritik wurde schon viel zu oft und viel zu lange auf Verzichtsdebatten reduziert. Niemand kann ernsthaft den Klimawandel einfach durch persönlichen Verzicht aufhalten wollen, eine ähnlich gute Lösung wäre es, zu sterben. Unser gesamtes Leben trägt zum CO2-Ausstoß bei, ganz egal ob wir essen, spielen, arbeiten oder reisen. Es kann also nicht darum gehen, plötzlich alles liegen zu lassen, keinen Urlaub mehr zu machen, nicht mehr einzukaufen, rund um die Uhr zu verzichten. Die Aufgabe in den nächsten Jahren wird es erst einmal sein, unseren Alltag so klimafreundlich wie möglich zu gestalten.

So weit, so gut. Gewissen beruhigt, Klima gerettet, und das alles ohne am Wohlstand in den Industriestaaten zu rütteln. Schön wär’s. Selbst wenn wir dieses Umdenken erfolgreich meistern, das Ziel, die Emissionen klimaschädlicher Gase bis 2050 um 95 % gegenüber dem Niveau von 1990 zu reduzieren, können wir nicht durch andere, grüne Technologien erreichen. Das Problem: Selbst wenn alle Autos nur noch Strom tankten und unsere Energie vollständig erneuerbar wäre, wir bräuchten dennoch immer mehr davon. Immer neue Autos fressen immer neue Ressourcen, immer mehr Strom braucht immer mehr Windräder und Solarzellen. Das klimaverträgliche Wachstum unserer Wirtschaft ist begrenzt, und wir haben die Grenzen schon vor Jahrzehnten hinter uns gelassen. Die Frage ist nur, was das für unsere Zukunft bedeutet. Parallel zur ökologischen Modernisierung der Welt muss endlich ein Weg gefunden werden, wie Politik und Gesellschaft unabhängig von ständigem Wirtschaftswachstum funktionieren können. Nur wie?

Klar ist, wer umfassende Wachstumskritik, also Kritik am ewigen Mantra des „Immer mehr“ und Kritik an der Fixierung der Politik auf das BIP-Wachstum, nicht nur im Elfenbeintürmen predigen, sondern endlich auch politisch thematisieren will, der muss sich der sozialen Ungleichheit annehmen – international wie auch hier vor Ort.

Wie soll man einem Hartz IV-Empfänger hierzulande erklären, dass er doch bitte seinen Konsum reduzieren solle, der Millionär mache das doch schließlich auch. Wie zynisch wäre es, angesichts der steigenden sozialen Ungerechtigkeit die Abkehr von materiellem Wohlstand zu predigen, man solle sich doch mit dem eigenen Besitz zufrieden geben und sein Glück z.B. in Beziehungen zu anderen Menschen suchen? So richtig und notwendig der Weg weg vom Drang nach andauerndem materiellem Zugewinn ist, er kann nicht funktionieren, wenn nicht endlich die sozialen Ungerechtigkeiten im Land angegangen werden. Wachstumskritik – womöglich noch gepaart mit Verzichtsfragen – wird ohne eine breite Debatte über Umverteilung von Teilhabe, Wohlstand, Arbeit und Einkommen wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt sein.

Niemand weiß, wie eine Welt ohne Wachstum als treibendem Motor aussieht. Der Bundesregierung scheint zu alldem nicht mehr einzufallen als die Wortschöpfung „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Dabei wäre es angesichts der mageren Ergebnisse in Kopenhagen auch in Deutschland endlich an der Zeit, zumindest einmal die richtigen Fragen zu stellen.

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