Widernatürlich? Widersprüchlich!

Für das Gunda-Werner-Institut, dem feministischen Institut der Heinrich-Böll-Stiftung, habe ich einen Beitrag zur Debattenreihe “Monströse Versprechen – Technologien zwischen Risiko und emanzipativem Potential” verfasst. In dem Artikel “Widernatürlich? Widersprüchlich!” habe ich meine Gedanken zu der neuen Reproduktionstechnologie Social Freezing aufgeschrieben:

„Frauen gegen Gentechnik und Reproduktionstechnik“, „Gegen den Machbarkeitswahn“, so hießen zwei programmatische grüne Kongresse Mitte der 1980er . Heute verspricht die Technik des Social Freezing, dass Mutterschaft auch noch in einem späteren Alter machbar ist. Widernatürlich!, rufen Kritiker_innen. Eher widersprüchlich – wie eben das Leben von Frauen.

Schlafende Eizellen

Viele junge Frauen mit grundsätzlichem Kinderwunsch machen sich Gedanken darüber, wie sie diesen mit ihrer beruflichen oder persönlichen Lebensrealität vereinbaren können. Sie stehen möglicherweise am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, möchten im Arbeitsleben durchstarten, was ihnen mit dem Kinderwunsch nicht vereinbar erscheint. Und tatsächlich ist es in Deutschland ja immer noch für viele Frauen schwierig, Kinder und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Oder sie fühlen sich zu jung für ein Kind, haben nicht den Partner oder die Partnerin, mit dem oder der sie eine Familie gründen möchten. Andererseits werden sie sich zunehmend bewusst, dass diese Gründe nicht die Hoheit über die physischen Bedingtheiten erlangen können. Die Chancen auf eigene Kinder sinken mit steigendem Alter. Die abnehmende Fruchtbarkeit geht vor allem auf die geringer werdende Anzahl und „Qualität“ der Eizellen zurück. Eine Folge ist, dass sich viele Frauen einem unglaublichen Druck ausgesetzt fühlen.

Methoden wie das ursprünglich für Krebspatientinnen entwickelte sogenannte Social Freezing erlangen in diesem Kontext eine ganz neue Bedeutung. Denn Social Freezing ermöglicht Frauen ihren Kinderwunsch bzw. ihre Eizellen im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis zu legen. Es klingt schon etwas nach Science Fiction: Durch Hormoneinnahme bilden sich mehr „reife“ Eizellen in den Eierstöcken, die dann in einem chirurgischen Eingriff entnommen werden. Eingefroren in flüssigem Stickstoff, werden alle Zellprozesse gestoppt. Die Eizellen werden in einen quasi gläsernen Zustand gebracht und können so theoretisch jahrzehntelang „schlafen gelegt“ werden. Das hört sich einfach, vielversprechend und zeitgemäß an – es scheint die Lösung für den Lebenslauf zu sein: erst Selbstverwirklichung bzw. Karriere, dann Kinder. Das Vereinbarkeitsproblem vieler junger Frauen und Paare scheint damit passé. Oder nicht?

Widersprüchliche Frauenleben

Ich bin mir noch nicht darüber im Klaren, ob ich Social Freezing für einen weiteren Schritt in Richtung Selbstbestimmung der Frau verstehen soll oder ob es sich um ein Phänomen handelt, das den Frauen noch mehr Druck macht, sich gegen Familie und für Karriere zu entscheiden.

Die hier zitierte Zeitleserin benennt ein wichtiges mit dieser Debatte verklammertes Problem. Moderne Reproduktionsmethoden wie das Social Freezing rufen nicht nur eine, sondern gleich eine Vielzahl von Problemstellungen auf: Ist Social Freezing Selbstbestimmung oder vielmehr Unterwerfung? Ist es Ausdruck einer noch stärker werdenden „sozialen Kälte“, einer neuen Dimension des Kapitalismus, mit der wir unterstützen, dass Frauen in ihren Dreißigern ununterbrochen am Arbeitsmarkt gehalten werden können? Ist es wider die Natur? Und bewegen wir uns damit womöglich weiter in eine problematische Richtung genetischer Auswahlmöglich-keiten? Ist Social Freezing gar ein monströses Versprechen?

Es ist wichtig diese Fragen zu stellen. Denn sie zeigen Widersprüchlichkeiten auf, die sich nicht einfach auflösen lassen. Für einige Frauen bedeutet Social Freezing, den Druck, ein Kind zu bekommen, weiter in die Zukunft aufschieben zu können. Aber es beseitigt nicht die gesellschaftlichen Erwartungen, die heute an junge Frauen herangetragen werden. Für andere Frauen kann es bedeuten, dass sie vorerst nicht ihre Stelle reduzieren und die Möglichkeit aufgeben müssen, in einem Unternehmen aufsteigen zu können oder auch nur weiter einer existenzsichernden Beschäftigung nachgehen zu können. Aber Social Freezing schafft keine neue Arbeitswelt, in der Kinder nicht mehr als Karrierekiller gelten. Es schafft keine Arbeitgeber_innen, die unabhängig von der Kategorie Geschlecht einstellen. Es schafft keine Unternehmenskultur, in der auch in Spitzenpositionen in Teilzeit gearbeitet werden kann. Und es führt auch nicht automatisch dazu, dass sich mehr Männer die Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich aufteilen wollen oder eine gesellschaftliche Debatte darüber entsteht, wer wann Verantwortung übernehmen will und wieso Männer noch länger daraus entlassen werden. Deshalb ist es wichtig, weiterhin für eine grundlegende Veränderung der Arbeitswelt und gegen Asymmetrien innerhalb der Geschlechterverhältnisse zu kämpfen. Social Freezing ist sicher nicht die langfristige Antwort auf das Bedürfnis nach einer familienfreundlichen und geschlechtergerechten Gestaltung der Erwerbsarbeit. Diese muss politisch thematisiert und erstritten werden! Und trotzdem sollte Social Freezing nicht von vorneherein pauschal abgelehnt werden, denn es kann für einige Frauen und Paare mit (eventuellem) Kinderwunsch ein Mehr an Selbstbestimmung und Freiheit bedeuten.

Natur? Eine Erfindung

Ein von einigen Kritiker_innen des Social Freezing vorgetragenes Argument lautet, diese Methode sei „wider die Natur“. Im Gegensatz zu den oben genannten angebrachten Fragen, ist dieses Argument meines Erachtens abwegig.
Denn unsere gesamte Alltagsgestaltung entspricht nicht unserer „Natur“. Gängige Verhütungsmethoden tun es auch nicht. Der „Natur“-Begriff ist ohnehin problematisch und es ist bezeichnend, dass er insbesondere in Bezug auf Frauen immer wieder zur Anwendung kommt. Donna Haraway hat in die Sehnsucht nach der Rückkehr zur reinen, unversehrten Natur interveniert. Technik, die Auflösung von Natur, bietet auch Chancen zur Änderung bestehender sozialer – nicht natürlicher! – Herrschaftsbeziehungen.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Social Freezing nicht verteufelt werden sollte. Viel zu oft passiert das auf dem Rücken von Frauen und meist durch eindimensionale Betrachtungen. Gegen beides möchte ich mich hier aussprechen, denn Social Freezing kann für Frauen individuell mehr Selbstbestimmung bedeuten, gleichzeitig muss es mit samt den genannten Widersprüchlichkeiten und auch dem, was es nicht kann, betrachtet werden.

Nach den beiden eingangs genannten Kongressen 1985 und 1986 stellte ein dritter grüner Kongress der AK Frauenpolitik 1987 die Frage: „Wo liegt der Frauen Glück?“ Das Thema: „Neue Wege zwischen Beruf und Kindern“. Heute, (fast) 30 Jahre später, ist die Technik des Social Freezing nur ein Ausdruck der Widersprüchlichkeiten und Hindernisse, die auf diesen Wegen zu meistern sind.

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld